FrauenMenschenrechtsarbeit in Afrika & Deutschland
Internationale Konferenz über Strategien zur Überwindung von Gewalt an Frauen, diskutiert an den Beispielen Häusliche Gewalt und weibliche Genitalbeschneidung in Deutschland, Kenia und Sierra Leone
Gewalt gegen Frauen ist weltweit verbreitet. Doch die Formen der Gewalt unterscheiden sich ebenso wie ihre Kontexte. Die Entwicklung effektiver Strategien zur Überwindung von Gewalt gegen Frauen setzt profundes Wissen um die spezifischen Gewaltkontexte voraus. Ebenso ist die Zusammenarbeit verschiedener AkteurInnen unerlässlich, um gesellschaftspolitische Entwicklungsprozesse hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit voranzutreiben. In diesem Bewusstsein organisierte „Maisha e.V. Selbsthilfegruppe afrikanischer Frauen in Deutschland“ in Kooperation mit der „Evangelischen Studierendengemeinde“ (ESG) am 4. Juli 2009 in Frankfurt am Main eine Konferenz zur FrauenMenschenrechtsarbeit in Afrika und Deutschland. Sie bildete den Abschluss des ASA-Projektes „Frauenrechte stärken in Deutschland und Sierra Leone“.
Die Konferenz bot Frauenrechtlerinnen aus Sozialarbeit, Entwicklungszusammenarbeit, Politik und Wissenschaft sowie der interessierten Öffentlichkeit einen Raum, sich über die Ausprägungen, Ursachen und Strategien zur Überwindung von Gewalt gegen Frauen auszutauschen. Die weibliche Genitalbeschneidung und Häusliche Gewalt dienten als Fallbeispiele geschlechtsspezifischer Gewalt. Diese Gewaltformen wurden ausgewählt, weil sie in den drei Ländern in unterschiedlichem Ausmaß vorhanden sind und ihre Überwindung einen Arbeitsschwerpunkt der beteiligten zivilgesellschaftlichen Organisationen darstellt. Maisha e.V. engagiert sich für den Schutz der FrauenMenschenrechte in Deutschland und „Amazonian Initiative Movement“ (AIM) in Sierra Leone. Der Eintritt war frei und es kamen etwa 50 BesucherInnen, unter ihnen viele mit afrikanischem Migrationshintergund.
Die Begrüßungsrede wurde von Kathrin Schreivogl, Mitarbeiterin der ESG und Virginia Wangare-Greiner von Maisha gehalten. Sie bedankten sich bei allen, die einen Beitrag zum ASA-Projekt und damit auch zur Konferenz geleistet haben. Das waren: Aktion Selbstbesteuerung, Amt für Multikulturelle Angelegenheiten Frankfurt/Main, Arbeitskreis Entwicklungspolitik und Selbstbesteuerung, ASA-Programm/InWent, Frauenreferat Frankfurt/Main, Land Hessen, Stiftung Umverteilen, Terre des Femmes - Städtegruppe Rhein-Main, Verkehrsgesellschaft Frankfurt/Main, Zentrum für interdisziplinäre Afrikaforschung sowie private SpenderInnen.
Die Konferenz war in zwei inhaltliche Blöcke gegliedert. Die erste Podiumsdiskussion, die von Hadija Haruna, einer jungen Journalistin und Politologin, moderiert wurde, trug den Titel „Gewalt gegen Frauen und FrauenMenschenrechte“. Die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Dr. Regina Kreide zeichnete in ihrem Vortrag die Geschichte der FrauenMenschenrechte von Olympe de Gouges zur Zeit der Französischen Revolution bis zur Gegenwart nach und spannte damit den Rahmen für die folgenden Beiträge. Monika Simmel-Joachim, emeritierte Professorin für Sozialwesen von der Fachhochschule in Wiesbaden, erläuterte die Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen von Häuslicher Gewalt in Deutschland. Ihren Schwerpunkt legte sie auf Gewalt gegen erwachsene Frauen. Anschließend referierte Rugiatu Turay aus Sierra Leone über die weibliche Genitalbeschneidung in ihrem Heimatland. Sie ist die Vorsitzende des Frauenrechtsvereins AIM, der seinen Schwerpunkt auf die Überwindung der weiblichen Genitalbeschneidung legt, von der über 90 Prozent der Frauen in Sierra Leone betroffen sind. Im Anschluss an die drei Beiträge folgte eine lebendige Diskussion, bei der die verschiedenen Themen zusammengeführt und diskutiert wurden. Es zeigte sich, dass zwar der gesellschaftspolitische Rahmen von FrauenMenschenrechtsverletzungen in Deutschland und Sierra Leone nicht direkt miteinander verglichen werden konnte. Trotzdem war es möglich und interessant, Vergleichsmomente in Bezug auf die Ursachen und Legitimationsmuster zu suchen, die mit den unterschiedlichen Formen der Gewalt einhergehen.
Diese erste Podiumsdiskussion schuf die Grundlage, auf der am Nachmittag staatliche und nichtstaatliche AkteurInnen im Feld der FrauenMenschenrechtsarbeit in Deutschland, Kenia und Sierra Leone mit ihren Ansätzen zum Schutz der FrauenMenschenrechte vorgestellt und diskutiert wurden. Angelika Wilcke von der Zeitschrift „Ländliche Entwicklung“ moderierte diesen Teil. Die Referentinnen dieses Podiums stellten unterschiedliche Strategien vor, die auf den Abbau von Gewalt gegen Frauen abzielen. Sibylla Flügge, Juraprofessorin am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule in Frankfurt am Main, referierte über staatliche Maßnahmen zum Schutz der FrauenMenschenrechte in Deutschland und ihre Potenziale und Defizite für die Rechtspraxis von Frauen. Im Anschluss folgte ein Vortrag von Virginia Wangare-Greiner, die als Sozialarbeiterin bei Maisha afrikanische Migrantinnen und Migranten in Fragen der Gesundheit, Beruf, Familienplanung etc. berät und sich auf politischer Ebene für deren Rechte einsetzt. Danach hielt die Politologin Dr. Faith Kihiu einen Vortrag über FrauenMenschenrechtspolitik in Kenia. Abschließend referierte Rugiatu Turay, die bereits in der ersten Runde über die weibliche Genitalbeschneidung gesprochen hatte, über FrauenMenschenrechtspolitik in Sierra Leone.
Die gesamte Veranstaltung hatte zum Ziel, unterschiedliche Perspektiven auf FrauenMenschenrechtsfragen zu gewinnen. Anstatt mit dem Zeigefinger anderen die vermeintlich richtigen Normen und Handlungsstrategien aufzuerlegen, ging es darum, den Kontext der anderen und ihre Sicht auf FrauenMenschenrechte zu verstehen und damit den Blick auf den eigenen Kontext zu erweitern. Es gelang, einen Raum zu schaffen, in dem die eigenen Normen und Arbeitsansätze reflektiert wurden und in dem andere Kontexte und Handlungsweisen neue Impulse für die eigene Arbeit gaben. Das Publikum beteiligte sich intensiv an den Diskussionen.
Am Mittag führte eine Gruppe junger Frauen von Maisha e.V. eine interaktive Einheit zur Menschenrechtsbildung durch. Mit dem sogenannten Skalenspiel, an dem alle KonferenzbesucherInnen teilnehmen konnten, machten sie verschiedene Ungleichheitsdimensionen in der Gesellschaft zum Thema.
Das Abendprogramm wurde durch eine Vernissage eingeleitet. In einem Nebenraum wurden die Gäste zu einer Ausstellung von Frauenbatiken aus Kenia mit Sektempfang eingeladen. Diese Ausstellung schuf eine entspannte Atmosphäre, die zum lockeren Gespräch mit den Referentinnen anregte. Danach gab es ein afrikanisches Buffet, eine Modenschau, und ausgelassenen Tanz. Der Frankfurter Medienwissenschaftler Emmanuel Bouetoumoussa erstellte eine eindrucksvolle Dokumentation zur Konferenz, die vom Offenbacher Offenen Kanal ausgestrahlt wurde. Bei Interesse kann der Film bei Maisha e.V. bestellt werden.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Debatten auch aufgrund der regen Beteiligung des Publikums sehr lebendig waren. Es hat sich gezeigt, dass die Zusammenarbeit multipler staatlicher und nichtstaatlicher AkteurInnen auf verschiedenen Ebenen unverzichtbar ist, um Gewalt gegen Frauen zu überwinden. In diesem Zusammenhang wurde auch deutlich, wie fruchtbar die Einbindung von Männern und afrikanischen Diasporagemeinschaften in Deutschland bei der Sensibilisierungsarbeit für die FrauenMenschenrechte sowohl in Deutschland als auch in Afrika ist.




