Über 90 Prozent der Mädchen und Frauen in Sierra Leone sind an den Genitalien beschnitten. FGC wird von allen Ethnien außer den Krio praktiziert. Typ zwei, d.h. die Entfernung von Klitoris und Teilen der inneren Schamlippen, ist hier vorherrschend. FGC fungiert in Sierra Leone als Initiationsritus zum Eintritt in die Gesellschaft der Frauen, den weiblichen Geheimbund. Früher war an die Beschneidung auch die Erziehung der Mädchen zu gesellschaftskonformen Ehefrauen und Müttern gebunden. Diese Ausbildung, die etwa zwei Jahre lang dauerte, war die Hauptaufgabe des weiblichen Geheimbundes. Die Beschneidung fand im heiratsfähigen Alter statt, d.h. zwischen 15 und 20 Jahren. Bis heute wird den Initiandinnen ein Schweigegelübde seitens der Beschneiderinnen abgenommen. Diese vermitteln den Mädchen, dass ihnen durch den Zorn der Dämonen der Bauch anschwelle und sie stürben, sobald sie über die Beschneidung sprächen. Heute entfällt die langfristige Erziehung der Mädchen zu Frauen, stattdessen ist der Übergangsritus von der Mädchen- in die Frauenwelt auf den Akt der Beschneidung reduziert. Diese wird an immer jüngeren Mädchen praktiziert. Bereits Babys werden beschnitten.
Konsequenzen der Beschneidung
Die unmittelbaren Folgen von Beschneidung sind Schmerzen, extreme Angst, Blutungen, Schock, Infektionen und Tod. Langfristig kann es zu Narbenbildung, Inkontinenz, Schlaflosigkeit, Panikattacken, Konzentrationsschwächen, Depressionen sowie langen und schmerzhaften Geburtsprozessen mit erhöhtem Todesrisiko für Mutter und Kind und der Minderung oder Verlust der Orgasmusfähigkeit der Frau kommen.
Begründungen für das Ritual
Die BefürworterInnen der weiblichen Beschneidung begründen die Notwendigkeit von FGC mit ästhetischen, hygienischen, gesundheitlichen Argumenten sowie Tradition und Kultur. Die weibliche Lust, materialisiert in der Klitoris, wird als Bedrohung für die gesamte Gesellschaft inszeniert. Unbeschnittene Frauen befänden sich in einem ununterbrochenen Zustand der sexuellen Erregung, die sie nicht kontrollieren könnten. Außerdem wachse die Klitoris mit dem Alter an und verhindere Geschlechtsverkehr sowie das Gebären gesunder Kinder. Es heißt, sie sondere schlecht riechende Sekrete ab und jucke unentwegt. FGC fungiert als Beweis der Zugehörigkeit zur Tradition und ist ein konstitutives Element kollektiver weiblicher Identität. Die Entscheidung gegen FGC geht mit gesellschaftlicher Exklusion einher. Unbeschnittene Mädchen gelten als nicht heiratsfähig.
Entwicklungen der Beschneidungspraxis
Während des Bürgerkrieges konnten nur wenige Beschneidungen durchgeführt werden. Seit seinem Ende werden viele Beschneidungen auch bei jungen Erwachsenen „nachgeholt“. Die Beschneidung symbolisiert die Rückkehr zur Normalität und die Stärke der Tradition, die sich nicht durch den Krieg nicht hat auslöschen lassen. Die Gründe für die zunehmend frühe Beschneidung liegen darin, dass Babys der schmerzvollen Prozedur nur begrenzt Widerstand leisten können, sie sich später nicht mehr an die Schmerzen und seine Verantwortlichen erinnern und die Beschneidungszeremonie wesentlich günstiger ist. Für die Beschneidungen müssen die Eltern viel Geld aufbringen. Die Beschneiderin muss bezahlt und eine Beschneidungsfeier ausgerichtet werden. Die beschnittenen Mädchen erhalten neue Kleider und Geschenke.
Rechtliche Dimensionen
Trotz Initiativen aus der sierra-leonischen Zivilgesellschaft und internationalen Konventionen gegen FGC gibt es in Sierra Leone bislang kein Gesetz, das die weibliche Genitalbeschneidung verbietet. Dass sich noch immer keine Mehrheiten für ein Anti-FGC-Gesetz aussprechen, hängt mit der tiefen gesellschaftlichen Verankerung der Praxis zusammen. Zahlreiche mächtige AkteurInnen profitieren von FGC. Durch die Beschneidung erreichen die Eltern, dass ihre Töchter den Status als potenzielle, gute Ehefrauen erlangen. Somit steigt auch der Brautpreis, den die Verwandten des zukünftigen Gatten den Eltern der Tochter auszahlen. Beschneiderinnen sind angesehene, zum Teil gefürchtete und mächtige Frauen. Sie sind ver-hältnismäßig reich, da die Eltern für die Beschneidung ihrer Töchter bezahlen. Von dem Geld kauft die Beschneiderin beim Paramount-Chief sog. „Beschneidungslizenzen“. Idealerweise sollte folglich ein Teil der „Beschneidungsausgaben“ in die Gemeinden zurückfließen. Die Geheimbünde, als Verfechter von FGC, üben starken Einfluss auf die Politik auf allen Ebenen aus. Um die Geheimbünde und somit die Stimmenmehrheit für sich zu gewinnen, instrumen-talisieren PolitikerInnen in Sierra Leone immer wieder FGC. Im Wahlkampf wurden mehrfach große Beschneidungszeremonien von PolitikerInnen finanziert. Die patriarchalen Strukturen erschweren Frauenrechtlerinnen den Zugang zu politischen Ämtern. Bisweilen rechtfertigten die MachthaberInnen ihre Verweigerung, von FGC bedrohten Frauen Rechtsschutz zu geben, mit einem vordergründig demokratischen Argument. Sie könnten nur ein Gesetz beschließen, wenn das Volk als Souverän für die Abschaffung von FGC sei. Solange dies nicht der Fall sei, bestehe kein Handlungsbedarf seitens des Gesetzgebers. Die MenschenrechtlerInnen und bedrohte Mädchen fordern hingegen den gesetzlichen Schutz der Menschenrechte. Sie betonen die Notwendigkeit eines Gesetzes, das moralisch und juristisch gegen die Praxis wirken werde.
Ausblick
Noch sind in Sierra Leone Familien, die sich gegen die Beschneidung ihrer Töchter entscheiden, die Minderheit. Doch durch die Aufklärungsarbeit einzelner lokaler Initiativen wächst der Widerstand gegen diese schädliche traditionelle Praxis, an der undokumentiert viele Mädchen sterben und andere Zeit ihres Lebens leiden.




